
Der Ton des Cellos traf ihn einst direkt ins Herz. Heute vermag der Cellist Orfeo Mandozzi mit seinem besonderen Ton selbst zu begeistern. Am 19. Februar können sich Wiens Musikfreunde davon im Brahms-Saal überzeugen.
Klavier, Horn, Oboe, Gitarre, Schlagzeug, Zieharmonika – Orfeo Mandozzi hat im frühen Kindesalter alle möglichen Instrumente ausprobiert, in seinem von Musik geprägten familiären Umfeld im schweizerischen Tessin war dies möglich. Doch dann begegnete ihm das Violoncello – es drängte sich ihm regelrecht auf: „Als ich zwölf Jahre alt war“, erinnert sich Mandozzi, „habe ich eine Platte von Rostropowitsch gehört: das Dvo®ák-Cellokonzert mit den Berliner Philharmonikern und Karajan. Ich war sofort verliebt in den Celloton, diesen Ton, der einfach direkt ins Herz geht.“
Betörende Schönheit
Das Cello zog Orfeo Mandozzi auf Dauer in seinen Bann, er wollte es spielen, selbst Urheber dieses Tones sein – und heute wird er hymnisch gefeiert ob „der betörenden Schönheit seines Tones“, wie etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einmal schrieb.
Um selbst zu diesem Ton zu gelangen, war freilich intensives Studium nötig. Orfeo Mandozzi begann es bei Don Jaffé und Paul Szabo vom Végh Quartett, wurde bald am Pariser Conservatoire aufgenommen, lernte bei Michel Strauss, Maurice Gendron, Jean-Marie Gamard und Jean Brizard. Und es zog ihn noch weiter: Die nächsten Stationen seiner Lehrjahre waren das Mailänder Konservatorium und die Juilliard School New York, an der Harvey Shapiro sein hochgeschätzter Lehrer war. Er erlangte „summa cum laude“ und mit „Mention of Honour“ gleich mehrere Diplome, im Fach Violoncello, aber auch in Kammermusik, Komposition und Dirigieren.
Dann kam Mandozzi nach Wien, um hier zu leben und zu arbeiten, erhielt noch weitere künstlerische Impulse an der Musikuniversität und schloss wichtige musikalische Partnerschaften.
Im Künstlerzimmer
So hat die Suche nach dem Ton Orfeo Mandozzi früh in die Welt ziehen lassen, und er betrachtet es als „immenses Glück, bei so vielen großen Persönlichkeiten studiert zu haben. Es sind vielleicht nicht die bekanntesten Namen weltweit, aber in ihrem Fach sicher die größten“, sagt er, und die verschiedenen Traditionen, die er kennenlernen und ergründen durfte, deren Teil er geworden ist, tragen zu jenem vielgerühmten Ton bei, der heute ein so wesentliches Charakteristikum seiner Kunst ist.
Es gab auch noch einige weitere wertvolle Begegnungen auf seinem Weg: „Ich hatte gerade mit dem Cellospielen begonnen, war vielleicht 13, 14 Jahre alt, als ich das Beaux Arts Trio gehört habe. Ich war so begeistert, ging danach zum Künstlerzimmer und wurde sehr herzlich aufgenommen“, erzählt Orfeo Mandozzi von diesem einschneidenden Erlebnis. Mit Bernard Greenhouse, dem heute 94-jährigen Cellisten der damaligen und ursprünglichen Besetzung, verbindet ihn bis heute eine herzliche persönliche und künstlerische Freundschaft, und mit Menahem Pressler, ebenfalls Gründungsmitglied des Beaux Arts Trios und heute noch dessen Pianist, gibt Mandozzi nun sein Debüt in den Konzerten der Gesellschaft der Musikfreunde.
Die schönste italenische Kantilene
Und dann ist da noch Mstislaw Rostropowitsch, der mit seinem Celloton den zwölfjährigen Orfeo direkt ins Herz getroffen hatte. Spricht Mandozzi von diesem unangefochtenen Meister der Violoncellokunst, liegt in seiner Stimme eine ganz besondere Verehrung. „Rostropowitsch war immer sehr konkret“, erzählt er, „er hat relativ einfache Dinge gesagt, so klar und verständlich.“ Von Rostropowitsch habe er unglaublich viel gelernt und mitbekommen, auch „eines vom Wichtigsten überhaupt: das Gefühl, das man als Musiker transportiert“. Mit Rostropowitsch etwa an der Sonate von Schostakowitsch zu arbeiten, das war eine der eindrücklichsten und nachhaltigsten Erfahrungen seiner Laufbahn, dabei habe er ein Gespür entwickeln können für das, was in dem Stück passiert, „und dann war das Ganze plötzlich verständlich“. Auch mit Lob sparte Rostropowitsch nicht: „Von meiner Interpretation einer Boccherini-Sonate war er ganz begeistert“, erinnert sich Orfeo Mandozzi, „er hat gesagt, ich habe die schönste italienische Kantilene, die er je gehört hat.“
Vergessene Juwelen
„Der Musikbetrieb“, sagt Orfeo Mandozzi, „ist heutzutage nicht besonders musikerfreundlich. Man ist an ein recht enges Repertoire gebunden, ist Zwängen unterworfen, wodurch die Flexibilität und damit auch die Entwicklung eines Musikers gebremst werden können.“ Gegen solche Zwänge hat er sich stets gewehrt, hat sich, geprägt von den verschiedenen Traditionen, in die er während seine Lehrjahre eingetaucht ist, ein breites Repertoire erarbeitet, das seinesgleichen sucht und das er so konsequent wie gerne pfelgt. Und er ist weiterhin stets auf der Suche nach Neuem: in Form von zeitgenössischen Werken ebenso wie durch das Aufspüren von Vergessenem. So hat er beispielsweise ein Cellokonzert von Wilhelm Jeral, dem Solocellisten Gustav Mahlers im Hofopernorchester, auf CD eingespielt. „Das ist ein fantastisches Cellokonzert, wirklich großartige Musik – und heutzutage kennt sie niemand mehr.“
Romantiker mit Forschergeist
Wenn Orfeo Mandozzi gerade nicht Cello spielt, dann stöbert er gern auf Dachböden nach Literatur für sein Instrument. Und auch in vielen Klöstern lägen noch einige Schätze verborgen, wie ihn die Erfahrung schon des Öfteren gelehrt hat. „Das ist immer wieder ein Abenteuer“, sagt er begeistert. Und: „Ich bin immer noch auf der Jagd nach dem Cellokonzert von Mozart, das er geschrieben hat, das aber verschollen ist. Auf der Suche nach diesem Cellokonzert bin ich auf sehr viele Werke gestoßen“ – die er studiert hat und für ein interessiertes Publikum auch gerne öffentlich spielt.
In Anbetracht der immensen Breite seines Repertoires drängt sich die Frage auf, ob Orfeo Mandozzi dennoch so etwas wie einen Lieblingskomponisten habe. „Es ist kein Geheimnis, dass ich zu den Romantikern unter den Cellisten gehöre – ich bin sozusagen von der alten Schule“, beginnt Mandozzi seine Antwort. „Gerade derzeit beschäftige ich mich sehr mit der Romantik. Interessant ist: Je mehr Material man sieht, umso mehr versteht man auch. Und ich denke, es ist so viel über die Interpretation von Barockmusik recherchiert und geforscht worden – jetzt beginnt dies langsam auch mit romantischer Musik. Da ist noch viel zu tun.“
Einzigartiges entstehen lassen
Orfeo Mandozzi, der vielgefragte Solist und begeisterte Kammermusiker vor allem im Wiener Brahms-Trio mit dem Geiger Boris Kuschnir und der Pianistin Jasminka Stancul, blickt mit großer Vorfreude auf seinen Sonatenabend mit Menahem Pressler im Brahms-Saal, für den er einige Meisterwerke der Celloliteratur ausgewählt hat. Mit Pressler verbindet ihn das, was er „eine richtige Partnerschaft“ nennt – „das ist sehr wichtig“, betont der Cellist. „Es muss eine Symbiose sein, es muss aber auch ein Dialog entstehen können. Da kommen viele Ebenen ins Spiel.“ Gerade bei den Sonaten von Beethoven und Brahms, die für Klavier und Violoncello komponiert worden sind, komme dem Pianisten ein sehr wichtiger Part zu, sagt Mandozzi, und „mit einem traumhaften Pianisten wie Pressler ist es möglich, etwas Einzigartiges entstehen zu lassen.“
Der Ton macht die Musik
Ein ebenfalls berühmtes, wenn auch in unseren Breiten zuletzt eher vernachlässigtes Meisterwerk hat sich Orfeo Mandozzi für den zweiten Programmteil vorgenommen: Griegs a-Moll-Sonate op. 36, die ganz zu seinem Bestreben passt, Vergessenem und selten Gespieltem Raum zu geben. Und er beginnt mit einem neueren Werk, Iván Eröds „Dank an Bartók“, einem Stück, für das Mandozzi gleich Feuer gefangen habe. „Es eröffnet so viele klangliche Möglichkeiten, enthält wunderschöne gesangliche Linien, man kann den Ton sehr variieren“, begeistert er sich für das kurze Stück. „So kann ich gleich am Anfang des Konzertes das Publikum in meine Welt holen“ – mit der zitierten „betörenden Schönheit seines Tones“, und dieser Ton trifft direkt ins Herz.
Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Freitag, 19. Februar 2010
Orfeo Mandozzi • Ulrike Payer
Konzertprogramm